Dienstag, 5. April 2011

Muttermilch neutralisiert Rotavirus-Impfung

Die Rotavirus-Impfung wurde speziell für Dritte Welt Länder entwickelt, um tödliche Durchfälle bei Babys zu reduzieren. Nun zeigt sich, dass gerade dort - wo sie gebraucht würden - die Impfungen sehr schlecht wirken, weil Muttermilch den Effekt der Impfung großteils neutralisiert. 

Als vor mehr als zehn Jahren der erste Rotavirus-Impfstoff auf den Markt kam, wunderten sich viele, wozu der wohl gut sein soll. Haben doch mehr als 99 Prozent aller Babys bis zum Schulalter teils mehrfach Kontakt mit diesen Erregern. Rotaviren verursachen meist nur leichte Infektionen, die sich als Durchfall bemerkbar machen. Zwar kann es auch zu starkem Brech-Durchfall kommen, doch milde Verläufe sind – zumindest in den Industrieländern – die Regel, Fieber selten. Die meisten Eltern bekommen von Rotavirus-Infekten ihrer Kinder kaum etwas mit. Und falls doch: An Durchfällen stirbt bei uns niemand, solange darauf geachtet wird, dass der Flüssigkeits-Verlust der kranken Kinder ausgeglichen wird, indem sie ausreichend zu trinken bekommen. Sogar bei schweren Fällen ist eine Einweisung in Krankenhäusern meist zu vermeiden, wenn die Eltern gute Beratung und Beistand von ihren Hausärzten erhalten.
Wozu also die teure Impfung? (Die Basis-Immunisierung kostet immerhin mehr als 200 Euro.)

Die Hersteller des Impfstoffes und die damit befassten Experten antworteten auf diese Kritik, dass die Impfung in erster Linie für Dritte-Welt-Länder gedacht sei, wo Rotavirus-bedingte Durchfälle sehr wohl ein relevantes Krankheits- und Sterberisiko darstellen. Millionen Kinder könne man jährlich retten, wenn es gelänge, hier eine breite Durchimpfung sicher zu stellen.

Die Einführung der relativ teuren Impfung in den Industrieländern sei insofern von Bedeutung, als es den Impfstoff-Herstellern nur über diese Einnahmen möglich wäre, die Rotavirus-Impfung für die Entwicklungsländer zu deutlich günstigeren Konditionen abzugeben. Derzeit gibt es zwei Rotavirus Impfstoffe am Markt (Rotarix und RotaTeq). Beides sind Schluckimpfungen, die abgeschwächte aber lebende Rotavirus-Typen enthalten. Bereits im Vorjahr waren die Impfungen heftig ins Gerede gekommen, weil bei einer genauen Analyse der Inhaltsstoffe die Erbsubstanz von Schweineviren festgestellt wurde. Zeitweilig war Rotarix von den US-Behörden sogar die Zulassung entzogen worden.

Nun kommen mit fast jeder neuen Studie weitere schlechte Nachrichten dazu. Die hervorragenden Resultate aus den Zulassungsstudien lassen sich in den ärmeren Ländern nämlich nicht wiederholen. In Lateinamerika hatte die Wirksamkeit der Impfung bei der Vermeidung ernsthafter Gastroenteritis (Magen-Darm Entzündungen) im Vergleich zur Placebo-Gruppe noch 80,5 Prozent betragen, in Europa sogar 87,1 Prozent. Auch in der Praxis zeigte sich in den Industrieländern eine gute Wirkung und eine deutliche Reduktion von Krankenhaus-Einweisungen auf Grund heftiger Durchfälle.
Dem gegenüber bringen die Impfaktionen in Entwicklungsländern bislang nicht die erhofften Resultate, die Wirksamkeit der Rotavirus Impfung sinkt hier - zum Teil deutlich - unter 50 Prozent. In Ghana erreichte die Impfung beispielsweise nur 39,3 Prozent Wirksamkeit, in Bangladesh 48,3 Prozent und in Malawi 49,4 Prozent.

Auf der Suche nach einer Erklärung dieses Effekts kamen US-Wissenschaftler nun auf die Idee, die Beschaffenheit der Brustmilch der stillenden Frauen zu vergleichen. Ein Team der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta analysierte die Milch stillender Mütter in Indien, Vietnam, Südkorea und den USA und fand erstaunliche Unterschiede, welche eine mögliche Erklärung für den deutlich geringeren Schutzeffekt der Impfung – gerade dort wo er am dringendsten gebraucht würde – liefern.
Während nämlich die stillenden amerikanischen Frauen in ihrer Milch nur relativ geringe Antikörper-Titer gegen Rotaviren hatten, fanden sich bei den Frauen aus Vietnam, Südkorea und speziell bei den Inderinnen Spitzenwerte dieser neutralisierenden Antikörper in der Brustmilch. Alle drei im Impfstoff enthaltenen Lebendviren-Typen würden über diese Inhaltsstoffe angegriffen und zu einem beträchtlichen Teil neutralisiert, berichten die Wissenschaftler.

In Ländern, wo Rotaviren ein besonderes Gesundheitsproblem darstellen, sind scheinbar auch die natürlichen Schutzmaßnahmen - vermittelt über die Muttermilch – am stärksten.

Dass die Babys stillender Mütter im Vergleich zu ungestillten Babys ein deutlich reduziertes Risiko schwerer Rotavirus-Infekte haben, ist seit längerem bekannt. Ein internationales Wissenschaftler Team untersuchte bei einer großen Studie in Indien 700 Kinder mit Rotavirus-Infekten auf ihre Lebensumstände. Die Hälfte der Kinder machte die Infektion zu Hause durch, die andere im Spital.
Die wesentlichsten Unterschiede waren folgende:
  • Der Schweregrad der Infektion war bei den hospitalisierten Kindern deutlich höher
  • Die hospitalisierten Kinder wurden zu 35 Prozent gestillt, die Kinder welche zu Hause blieben, hingegen zu 74 Prozent
Eine türkische Studie zeigte ein doppelt so hohes Risiko für Rotavirus-Brechdurchfall bei Kindern, die nicht gestillt wurden. Als Schutzfaktor wurde hier ein Bestandteil der Muttermilch ermittelt (Lactadherin), der die Vervielfältigung der Viren behindert.

Was aber sind die Schlüsse der CDC-Wissenschaftler aus Atlanta? Der Ratschlag amerikanischer Forscherweisheit an die unterprivilegierte Welt?
Was Studienautor S.S. Moon und Kollegen hier weiter geben, muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen. Sie schreiben:
Die geringere Immunogenität und Wirksamkeit der Rotavirus Impfung in armen Entwicklungsländern kann zumindest zum Teil durch die höheren IgA Titer in Brustmilch und deren neutralisierende Aktivität in gestillten Babys erklärt werden. Zum Zeitpunkt der Impfung kann Muttermilch effektiv die Potenz der Impfung reduzieren. Strategien, diesen negativen Effekt zu vermeiden, indem etwa das Stillen zur Zeit der Impfung ausgesetzt wird, sollten wissenschaftlich geprüft werden.

Zu solchen Schlüssen kann man nur gratulieren: Wo stillende Mütter den Erfolg amerikanischer Impfkonzepte sabotieren, muss eben damit aufgehört werden, die Babys mit Muttermilch zu ernähren.

Derart weise Konzepte kennen wir bereits aus der Aids-Foschung, wo vor mehr als zehn Jahren ein ähnlicher Effekt festgestellt wurde: Mütter die ihre Kinder stillten, verhalfen ihnen scheinbar auch zu einer besseren Entgiftung. Dies hatte jedoch zur Folge, dass die gestillten Babys die teils sehr toxischen Aids-Medikamente rascher abbauten, bzw. ausgeschieden haben. Den Müttern wurde deshalb nach den gültigen WHO- und UNAIDS-Richtlinien verboten zu stillen, während sie die teuren antiretroviralen Präparate bekamen.
Doch was war die Folge? Im Jahr 2007 erschienen im Journal "Lancet" gleich drei Studien, welche den katastrophalen Effekt dieser scheinbar so logischen Strategie zeigten: Die Sterblichkeit unter den nunmehr ungestillten Kindern stieg im Vergleich zu den gestillten auf das nahezu Dreifache an. In der Folge mussten die Empfehlungen für die Entwicklungsländer wieder zurück genommen werden.

Wie es aussieht, hat man aus derartigen Erfahrungen nichts gelernt. Noch immer wird der Wert pharmazeutischer Interventionen wesentlich höher angesetzt als jener der primitiven eigenen Ressourcen - so wie eben der natürliche Schutz der Babys durch Muttermilch. Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, würden 
wir uns über einen kleinen Beitrag zu unserer Arbeit sehr freuen. 

Kommentare:

  1. Spannend. Zumindest haben die Studien zur Wirksamkeit (Efficacy) klinische Endpunkte, wie Brechdurchfall, Gastroenteritis, etc. Normalerweise reicht der Hinweis auf eine Immunantwort (response) im Tier- oder Menschenversuch. Es hat sich noch nicht wirklich unter MedizinerInnen herumgesprochen, dass ein Antikörpertiter bzw. ausreichender response nicht mehr und nicht weniger als ein Surrogatmarker bzw. nichtklinischer Endpunkt ist. Zwischen Surrogatmarker und klinischen Endpunkten (Häufigkeit von Komplikationen, Krankenhaushäufigkeit, Tod, etc.) besteht oft eine mehr oder weniger starke Korrelation aber niemals ein kausaler Zusammenhang. Ganz unabhängig davon, ob diese Korrelation statistisch signifikant ist oder nicht. Dieser Hinweis ist nicht neu und wird immer wieder diskutiert. Meines Wissens nach ist es bis dato immer noch ungeklärt ab welchem Antikörpertiter ein zuverlässiger (beinahe 100prozentiger) Schutz besteht und bei welchem Antikörpertiter eine untere Grenze (kein Schutz) erreicht wird. Mit anderen Worten: Es gibt keine wissenschaftliche Publikation, die den Zusammenhang zwischen Antikörpertiter (Surrogatmarker) und Immunität (100prozentiger Schutz), sowie klinisch relevanten Endpunkten belegt. Zu diesem Fazit kommt man/frau ganz unabhängig davon ob man/frau Impfungen befürwortend oder kritisch gegenübersteht.

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  2. schön, dass in diesem beitrag grundsätzlich zwischen (nicht)stillen und (nicht)impfen abgewogen wird. allerdings fehlen hier die zahlen abseits der sterblichkeit, denn wenngleich viele der studien, die stillen als die wichtigste voraussetzung für die kindergesundheit sehen und hierzulande kursieren nicht viel mehr als querschnittsstudien mit hypothetisierten ursache-wirkungs-zusammenhängen sind, so sind viele der durchaus älteren studien zum stillen haltbar.
    klar schädigt nun so viel tradierte selbsthilfe und soviel kulturell verfestigte laienhilfe die gewinninteressen.
    die katastrophe beginnt dort, wo die öffentliche verantwortung sich hier nicht mehr wie dies die bürger zu erwarten hätten verhält, sondern so wie die cdc die symbiotischen gewinninteressen sucht. bei genauerer betrachtung - so diese wegen intransparenz der entscheidungsfindungen überhaupt möglich wäre - könnte man vielleicht wieder die üblen/lichen verstrickungen (ppp) beobachten.
    die who hat längst an glaubwürdigkeit eingebüßt, nicht zuletzt durch besetzung der impfgremien und ihre (haupt)rolle bei den zur pandemischen bedrohung hochstilisierten grippeviren. die cdc, eine organisation, die über die sozial bedingte gesundheitliche ungleichheit sagt, dies sei nicht "Public Health" (quasi nicht gesundheitsrelevant im eigentlichen sinn), kann nicht länger als maßstab für gesundheitspolitische entscheidungen betrachtet werden. dies führt sie auch hier wieder treffend vor augen.

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  3. mich beschäftigt die Frage... was ist bei den rotarix und auch rotateq geimpften Kindern
    zu erwarten ist?
    Ich hatte im Mai 2011 meine Tochter mit rotatec impfen lassen.
    mir macht es wirklich Angst!
    Langfristig kann mir keiner sagen was dies Schweineviren im menschlichen körper verursachen können.
    Ich bin mir sicher das Impfungen ernsthafte Schäden verursachen können.
    egal welche!

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  4. Ich denke nicht, dass von diesen "Schweineviren" ein relevantes Langzeitrisiko aus geht. Nach meiner Erinnerung waren das DNA-Schnipsel und gar keine intakten Viren. Die sind wahrscheinlich kurz nach der Impfung verdaut und ausgeschieden worden.

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  5. Dass die Milch von Frauen in Entwicklungsländern Rotaviren-Antikörper enthält, ist anhand der Studien nun wohl klar, aber wie verhält es sich mit deutschen Müttern? Enthält unsere Milch auch ausreichend Antikörper? Für mich klingt es, als sei das nicht der Fall. Somit schlussfolgere ich, dass eine Impfung in Deutschland auch während des Stillens sinnvoll ist. Oder?!

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  6. Klar ist, dass die Muttermilch in Entwicklungsländern deutlich mehr Rotaviren-Antikörper enthält. Doch ist auch das Risiko schwer verlaufender Durchfälle dort wesentlich höher. In Frankreich wurde kürzlich die Empfehlung für diese Impfung wegen des damit verbundenen höheren Risikos von komplizierten Darm-Einstülpungen zurück genommen. Hier die Zusammenfassung der Empfehlungen der "Ärzte für individuelle Impfentscheidungen":

    Darminfektionen durch Rotaviren sind unangenehm, aber in der Regel harmlos und innerhalb einer Woche abgeheilt. Schlimmstenfalls ist eine kurzzeitige stationäre Behandlung notwendig.
    Ein erhöhtes Krankheitsrisiko haben Kinder, die keine Muttermilch bekommen, und Kinder in Gemeinschaftseinrichtungen.
    Die Impfung gegen Rotaviren verringert das Erkrankungsrisiko. Unklar ist, wie lange dieser Schutz anhält und ob nicht die Ausbreitung anderer Erregerstämme begünstigt wird.
    Muttermilch enthält Antikörper gegen Rotaviren. Dies senkt bei gestillten Säuglingen das Krankheitsrisiko erheblich. Muttermilch kann auch das Impfvirus neutralisieren und den Impferfolg verschlechtern.
    Die Rotavirusimpfung ist sehr teuer und hat in Ländern mit guter Gesundheitsversorgung ein ungünstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis.
    Häufige Nebenwirkungen der Impfung sind Fieber und Beschwerden im Magen-Darm-Trakt. Gerade dies sollte die Impfung eigentlich verhindern.
    Auch Krampfanfälle werden vermehrt beobachtet.
    In sehr seltenen Fällen kann die Impfung schwere Komplikationen im Bereich von Darm (Invagination, unbehandelbare Durchfälle), Blutgefäßen (Kawasaki-Syndrom) und Atemwegen nach sich ziehen.
    Rotavirusimpfstoffe sind mit Fremdviren verunreinigt. Das Risiko für Säuglinge ist nicht ausreichend untersucht.

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  7. Wie sieht es mit anderen Impfungen aus, macht das stillen die MMRV (besonders die Masernimpfung) unwirksam????

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  8. Nein, Muttermilch macht die MMR Impfung nicht unwirksam, diese Impfung wird ja injiziert. Muttermilch kann nur lokal, also im Darm auf die rota-viren Impfung wirken, da es eine Schluckimpfung ist.

    Was nicht verwechselt werden sollte: Muttermilch enthält keine spezifischen Antikörper gegen rotaviren, sondern generelle Antikörper und andere Abwehrmechanismen gegen Bakterien und Viren.

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  9. Hallo.Nachdem meine Kinderärztin hier auf Teneriffa geraten hatte,wir sollen doch die Rotatec Imfung unserem 2 Monate alten Baby geben und es würden ja alles so machen...Habe ich mich jetzt jedoch noch einmal belesen und dabei festgestellt,dass die Impfung anscheinden mehr Risiken birkt als Nutzen.Und da ich voll stille,bin ich zu dem Endschluss gekommen,keine weitere Dosis geben zu wollen.Hilft denn die Muttermilch nur während der Stillzeit oder auch noch nach Abstillen,wenn das Baby bereits z.b 2 Jahre alt ist?Also ist es generell für seine Kindheit besser gegen solche Krankheiten abgehärtet,weil es gestillt wurde?

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